Bücherwürmer aus Leidenschaft

Über das Lesen von Büchern und Zeitschriften erhalten Kinder und Jugendliche den Zugang in eine neue Welt. Lesen fördert die Sprachkompetenz, Fantasie und das Konzentrationsvermögen. Wie können Eltern und Schule trotz Handy und Co. den Kindern das Lesen schmackhaft machen?

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In Nelios Klasse herrscht ein richtiger Wettkampf, wer am meisten Punkte bei «Antolin» erreicht. Derzeit ist Papa Moll auf dem Rheinschiff unterwegs. Bereits steht das dicke Märchenbuch in der Warteschlaufe. Jeden Abend wird fleissig gelesen. Danach beantworten die Schüler der zweiten Primarschulklasse auf dem Internetportal die interaktiven Quizfragen zum Inhalt. Richtige Antworten werden mit Punkten belohnt. So steigert Antolin die Lesemotivation und fördert das Textverständnis. Am Mittwoch steht der nächste Klassenbesuch in der Schulbibliothek auf dem Programm. Der 8-jährige Nelio weiss schon, was er auf jeden Fall ausleihen möchte: das Buch der Rekorde. Und eine neue Geschichte von Papa Moll und den fünf Freunden. So zwischendurch liest er im «Spick»-Magazin, vor allem die Witze haben es ihm angetan. Mittlerweile sind auf Antolin gegen 40’000 Bücher verzeichnet, für die es Quiz-Fragen gibt.»

Leseförderung in der Schule

An der Schule in Villnachern beispielsweise, einer kleinen Schule im Kanton Aargau mit 160 Kindern und Jugendlichen bis zur sechsten Klasse, wird Lesen ebenfalls grossgeschrieben. «Als Schule engagieren wir uns fürs Lesen. Gerade im kommenden Schuljahr wollen wir dem Thema Leseförderung besondere Beachtung schenken», schreibt Schulleiter Rico Bossard an die Eltern. Die Lehrpersonen entwickelten Projekte in den gemeinsamen Zeiten der Schulentwicklung und erhielt Impulse von Fachpersonen des Zentrum Lesen (fhnw) zum Thema Leseförderung. Seit drei Jahren beschäftigen sich die Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen der Schreib- und Sprachförderung intensiv mit dem Lesen. In Lesecafés etwa sprechen und diskutieren die Lehrpersonen über gelesene Bücher. «Als Schule haben wir die Vision, dass unsere Schüler nach sechs Jahren Unterricht immer noch Freude am Lesen haben», sagt Rico Bossard und ist überzeugt, dass gerade die Schule einen wichtigen Beitrag zur Freude am Lesen leisten kann. Wichtig sei, dass wir als Lehrende selber vom Lesen begeistert sind und diese Freude den Kindern weitergeben. Mit verschiedenen Angeboten bringt die Schule Villnachern ihren Kindern das Lesen näher. Dazu gehört zum Beispiel eine gut ausgebaute Schulbibliothek, die regelmässig mit neuen Büchern von Bibliomedia versorgt wird. «Wir beraten die Kinder und stellen ihnen Bücher vor, die sie vielleicht noch nicht kennen», berichtet der Schulleiter. Während der Pausen steht den Kindern eine Spiel- und Bücherkiste zur Verfügung. Darin finden die Kinder ­Comics und Kurzgeschichten. Im Rahmen eines Klassenprojekts haben die Drittklässler den Kindergartenkindern eine Geschichte vorgelesen. An Weihnachten schrieb jede Klasse an einer gemeinsamen Weihnachtsgeschichte. ­«Solche Aktionen verbinden und animieren zum Schreiben und Lesen», ist Rico Bossard überzeugt.

Erzählnacht als Leseanimations-Event

In einer Schulklasse von Villnachern wird das Lesevolumen der Schülerinnen und Schüler mit einem Turm aus Papier sichtbar gemacht. Je mehr die Kinder lesen, desto höher wird der Turm. «Wir wissen, dass viele Kinder auch zu Hause lesen», ergänzt Rico Bossard. Einige Lehrpersonen verteilen Diplome an jene Kinder, die das Leseziel ­erreicht haben. Ab 10’000 Seiten gibt es gar ein Plüschtier «die Leseratte» als Geschenk. Ein voller Erfolg in Villnachern sei jeweils auch die Erzählnacht: Das Feuer loderte in der selbst gebauten Feuerschale und wärmte die anwesenden Kinder, Eltern, Behörden und Einwohner. Alle warteten gespannt auf die Gruppeneinteilung und dass es bald losging. Im festlich geschmückten Schulhaus roch es nach Zimt. Als die Eltern und Lehrpersonen begannen, die Geschichten zu erzählen, sassen alle gespannt auf Kissen, Stühlen und Bänken und hörten mit all ihren Sinnen den Geschichten zu. «Als ich nach Hause kam, sass das Grosi mit meinem Sohn am Boden und hat ihm vorgelesen. Die Katze schnurrte im Körbchen. Schön, wenn die Leseförderung von der Schule in den Alltag übergeht», schwärmt Stephan Gentner, Präsident der Schulpflege Villnachern, von der Erzählnacht.

Grundfertigkeit unserer Gesellschaft

Warum ist es so wichtig, Kinder ans Lesen heranzuführen? «Lesen ist eine Grundfertigkeit unserer Gesellschaft und Kultur. Sie gibt uns viele Freiheiten und stärkt unsere Identität. Sie eröffnet uns neue Welten, stärkt die Fantasie und die Kreativität», sagt Barbara Jakob, verantwortlich für literale Förderung beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) in Zürich. Weiter fördert Lesen das Denkvermögen und die Konzentration (siehe auch Info-Box). Denn: Lesen ist eine konzentrierte Denkübung, durch die das Kind auch lernt, sich nicht ablenken zu lassen und seine Aufmerksamkeit zu steuern. Für die Leseförderung steht fest, dass die Eltern nicht nur die frühesten, sondern auch die wichtigsten Einflüsse auf das spätere Lesevermögen ausüben. Dabei können die Eltern das Lesenlernen von klein auf gezielt fördern, ist Barbara Jakob überzeugt. «Die Leseförderung beginnt bereits sehr früh, indem die Eltern mit ihren Kindern Bilderbücher betrachten und das Kind mitreden lassen.» Auf diese Weise entdeckten die Kinder das grosse Potenzial, das ihnen in den Büchern zur Verfügung stehe. Wie wichtig das Vorlesen der Eltern ist, zeigt eine neue Studie der Stiftung-Lesen. «Vorlesen leistet einen wichtigen Beitrag zur emotionalen Stärke und zur sozialen Kompetenz», heisst es in der Studie. Studienleiterin Ehmig betont, dass das Vorlesen seine positiven sozialen Wirkungen unabhängig vom Bildungshintergrund der Familien entfalte. Das frühe Lesen beziehungsweise Vorlesen fördert nicht nur die Sprachkompetenz der Kleinen, es erleichtert ihnen auch den Einstieg in die Welt der Bücher. Vorlesen bedeutet zudem Nähe, am Wissen anderer teilzuhaben und mit andern zusammen einzutauchen in die Buchwelt. Entscheidend in der Lesebiografie sind gute Vorlese-Erinnerungen. «Gerade für Kinder, die vor der Schule nur wenig mit Büchern zu tun hatten, bedeutet das Bücherlesen in der Schule Knochenarbeit», sagt Barbara Jakob.

Es darf auch mal ein Comic sein

Eltern sind Vorbilder. Unter anderem auch, wenn es ums Lesen geht. Indem sie selber Bücher, Zeitungen oder Magazine lesen, regelmässig in Bibliotheken gehen und selber schreiben, machen sie es ihren Kindern vor. Ebenso wichtig ist es für das Kind, über etwas, das es gelesen hat, zu sprechen. Was das Kind lesen möchte, sollte es selber entscheiden können, empfiehlt Barbara Jakob. «Es ist wichtig, dass die Eltern die Lektüre des Kindes nicht bewerten. Für das Kind ist es eine wichtige Erfahrung, zu wissen, dass seine Buchauswahl in Ordnung ist. Es darf auch mal ein Comic sein.» Ein Kind weiss laut Barbara Jakob meist am besten, welche Bücher es lesen möchte und bewältigen kann. Die meisten Kinder lesen gerne etwas über ihre Lieblingsthemen: Reiten, Fussball, Ritter. CDs oder Kassetten mit Geschichten sind ebenfalls gute Möglichkeiten, die Sprachfähigkeiten zu fördern. Für Lesemuffel bieten sich zum Beispiel individualisierte Bücher an, in denen die Kinder selber die Figuren und Geschehnisse bestimmen können. Details wie Name, Aussehen, Hobbys usw. sind frei wählbar. Solche Bücher können zum Teil auch selber gestaltet werden. Übrigens: Eltern können ihr Kind auch unterstützen, wenn sie nicht oder noch nicht gut Deutsch sprechen – indem sie das Kind beim Sprechen und Lesen in der Muttersprache fördern. Am besten erlernt das Kind die deutsche Sprache und das Lesen, wenn es umfangreiche Kenntnisse in seiner Muttersprache hat.

Jugendliche für Bücher faszinieren

Im Gegensatz zu Kindern im Kindergarten- und Primarschulalter ist es wesentlich schwieriger, Jugendliche zum Lesen zu animieren. Um die Motivation eines Jugendlichen, Bücher zu lesen, zu steigern, sind realistische Ziele notwendig. Es lohnt sich, mit dem Kind zu überlegen, welche persönlichen Ziele es hat und was es in Zukunft erreichen möchte. Hier kommen die Bücher ins Spiel, denn sie helfen den Jugendlichen, gewisse Ziele besser zu erreichen – zum Beispiel differenzierte Sachverhalte besser zu verstehen, sich um eine Schulnote zu verbessern, einen Freund mit dem neuen Wissen zu beeindrucken, etwas programmieren zu können oder ein neues Berufsbild erlernen zu wollen. Zu hoch angesetzte Ziele sind meist kontraproduktiv. Heranwachsende Kinder benötigen Zeit, um sich mit der eigenen Entwicklung auseinanderzusetzen. Grosse Faszination auf die Jugendlichen üben prominente Lesestoffe aus der Jugendkultur wie Fantasy, Romantasy, Mystery, Steampunk oder Dystopien und Tierfantasy aus. Sie werden meist in der Schule nicht thematisiert, gehören wie Mangas, die immer beliebter werdenden Graphic Novels, All-Age- und Ratgeberliteratur, Sachbücher und Zeitschrif­ten zu einer jugendgerechten Bibliothek. Schreibwerkstätten oder längerfristige Schreibprojekte (zum Beispiel wie «Krimi macht Schule») fördern und fordern die Partizipation der Jugendlichen und stärken darüber hinaus die (schrift-)sprachlichen Kompetenzen. Zudem stellt der ­direkte und persönliche Austausch mit Autorinnen und Autoren auch für Jugendliche einen besonderen Reiz dar.

Zahlen und Fakten

48 Prozent der 6- bis 13-Jährigen gehören in ihrer Freizeit zu den regelmässigen Lesern (mindestens einmal pro Woche). 16 Prozent der Kinder hingegen lesen überhaupt nicht in ihrer Freizeit. Mädchen zählen mit 50 Prozent deutlich häufiger als Jungs (39 Prozent) zu den regelmässigen •Lesern. Diese Zahlen stammen aus der KIM-Studie 2016 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (D). Wie die MIKE-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften über das Mediennutzungsverhalten von in der Schweiz lebenden Kindern im Primarschulalter zeigt, nutzen die Sechs- und Siebenjährigen in ihrer Freizeit vor allem Bücher und DVDs. Die mittlere Primarschulzeit ist die Hochphase des Bücherlesens; bereits bei den 12- und 13-jährigen dagegen nimmt die Leseintensität wieder ab. Das Handy liegt auf Platz eins der liebsten Medien der Kinder. Auf dem zweiten Platz folgt das Fernsehgerät, gefolgt vom Buch. (fm)

Warum Lesen so wertvoll ist

Lesen reduziert Stress: Menschen lassen ihren hektischen Alltag hinter sich und fliehen in die Welt der Fantasie. Dort gewinnen sie Abstand zu ihrem eigenen Leben und entspannen sich. Ausserdem fördert Lesen die Konzentrationsfähigkeit.

Durch regelmässiges Lesen erweitert sich der Wortschatz automatisch. Je häufiger man mit unterschiedlichen Wörtern konfrontiert wird, desto leichter prägen sich auch neue ein. Übrigens: Liest man Texte laut vor, gehen die Wörter noch leichter vom passiven in den aktiven Wortschatz über.

Einer Studie an der New School for Social Research in New York zufolge fördert Lesen das Empathievermögen. Leser lernen durch die Lektüre, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen und vergrössern damit ihr Verständnis für das Leben anderer.

Durch das Abtauchen in die Welt der Fantasie wird die Vorstellungskraft geschult. Anders als im Kino sind es die Leser selbst, die die Bilder zum Text entstehen lassen. Schon bei Kindern zeigt sich, dass regelmässiges Lesen positiven Einfluss auf die Kreativität hat; ihr Einfallsreichtum und Vorstellungsvermögen verbessern sich.

Durch das Lesen erhalten die Menschen Einblicke in andere Kulturen und Länder, sie schauen über den Tellerrand und erweitern so ihren Horizont.

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